Schranken auf! – Jens Krassner- blog and LVZ article January 2015

Schranken auf! von Jens Krassner

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Die Künstler Ulf Lundin (li.) und Gustav Hellberg sowie die künstlerische Leiterin Candace A. Goodrich Foto: Jens Krassner

http://kunstszene-leipzig.de/eroeffnung_kunstkraftwerk_leipzig/

Das KunstKraftWerk Leipzig beginnt heute mit dem Probebetrieb Veröffentlicht am 8. Januar 2015

Noch lärmen Handwerker, um das 1863 errichtete, denkmalgeschützte frühere Kraftwerk zumindest provisorisch für den Betrieb als Kultureinrichtung herzurichten. Heute abend wird die erste Ausstellung eröffnet, wenn auch vorläufig noch im privaten Probelauf. Bis zur offiziellen Eröffnung im Frühjahr ist noch einiges mehr zu tun, als Treppen und Geländer zu zimmern.

Verzögerungen gibt es nicht nur bei der Umnutzung des voluminösen Bauwerkes. Obstructions, also Hindernisse, nennt sich auch der eine Teil der ersten Ausstellung. Gustav Hellberg, in Berlin lebender Schwede, hat 24 automatisch arbeitende Standardschranken, wie man sie von Betriebstoren kennt, in einem Raster angeordnet. Sie öffnen und schließen sich im Zufallsmodus. Wege ergeben sich, und sind wieder versperrt. Als „optimales Pech“ bezeichnet es Hellberg, wenn man 15 Minuten in einem Schranken-Karree gefangen ist, ohne Ausweg. Was so spielerisch aussieht, entspringt der intensiven Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Mechanismen. Gustav Hellberg ist kein Künstler, der nur für Ausstellungen arbeitet, er greift auch unmittelbar in das reale Leben ein. So ist er beispielsweise seit zwei Monaten in ein Stadtplanungsprojekt für einen Vorort Stockholms eingebunden und versucht, entstehende Freiräume für gemeinschaftliche Nutzungen zu erhalten statt der Alternative eines weiteren Einkaufszentrums.

Auch Ulf Lundin ist kein Ästhet im Elfenbeinturm. Er zeigt Fotos und ein großformatiges Video unter dem schlichten Titel „5-9“. Von einem gegenüber liegenden Hotel aus hat er Räume eines Bürohochhauses aufgenommen, wo Angestellte nach dem frühen Einbruch der Dunkelheit im Winter tätig sind. Dass sich das Gebäude in Stockholm befindet, ist unwichtig. Es könnte irgendwo in der industrialisierten und bürokratisierten Welt stehen. Die gefilmten und fotografierten Personen wussten nichts von dem „Stalker“. Auf ein Anschreiben nach der Fertigstellung der Arbeit hat niemand reagiert. Lundin hat aber keine Absicht, zu denunzieren. „Ich hätte dutzende Bilder mit popelnden Leuten veröffentlichen können“, sagt er. Doch in den ausgewählten Aufnahmen ist nichts
Peinliches zu finden. Überhaupt geht es ihm nicht um Porträts konkreter Personen, sondern um das stereotype Erscheinungsbild jedes beliebigen Büros.

Beide Schweden haben sich erst zum Aufbau der Ausstellung kennengelernt, hatten vorher keinen Kontakt. Vorausgegangen war eine Ausschreibung des KKW Leipzig in Gründung. Unter den vielen Bewerbern aus aller Welt wurden diese beiden für den Auftakt ausgewählt. Unterdessen ist das Programm für das gesamte erste Jahr fertig, für das nächste gibt es schon viele Interessenten. Candace A. Goodrich ist künstlerische Leiterin der Institution. Sie stammt aus New York, hat zunächst in Berlin gelebt, kam dann nach Leipzig, um in der Spinnerei das Stipendienprogramm „One Sided Story“ zu kuratieren. Perfekte Vernetzung nennt man heute das, was ihre wichtigste Eigenschaft ausmacht. Dazu gehört auch das Besorgen von Finanzmitteln. In diesem Fall kommen sie von der schwedischen Botschaft und dem neuen Leipziger Hotel Studio 44. Für weitere Projekte steht schon ein breit aufgestelltes Portfolio an Unterstützern fest.

Dennoch: Die schrittweise Sanierung der 150jährigen Industriebrache einschließlich Heizung für die üppig dimensionierten Räume kostet neben dem laufenden Betrieb auch viel Geld. 2012 haben der Medizinprofessor Markus Löffler und der Architekt Ulrich Maldinger die Immobilie samt Grundstück erworben. Profit kann angesichts der Aufgabe der Umnutzung kein Motiv sein, vielmehr suchte das Duo eine reizvolle Herausforderung für den beruflichen Ruhestand. Irgendwann soll das KKW zwar wirtschaftlich selbsttragend sein, doch bis dahin ist es noch ein langer Weg. Erlebnisgastronomie, ein kleines Museum und die Vermietung für private Events gehören ebenso zum Konzept wie Konzerte und Theateraufführungen. Leipzig bekommt einen neuen Kulturstandort von beachtlichen Dimensionen.

Erstveröffentlichung in der Leipziger Volkszeitung

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